„Immer, wenn man aus dem Fenster sieht, weiß man, warum die Arbeit so wichtig ist“

Hospitationsbericht von Kathrin Seßler, Freiwillige 2014/15 bei der Akademie für Darstellende Kunst Bayern in Regensburg, über ihren Besuch der KZ-Denkstätte Dachau

Ankunft, 28. Mai 2015, 9.00 Uhr. Vor mir liegt ein großer Platz, weiter hinten stehen ein paar Bäume, die warme Sonne lässt das Ganze fast idyllisch erscheinen. Wenn ich es nicht besser wüsste, käme mir wohl nicht sofort der Gedanke, dass dieser Ort ein Überbleibsel eines der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte ist.

Ich laufe auf das große Gebäude mit der Aufschrift „Verwaltung“ zu. Ob ein „Bürojob“ an so einem besonderen Ort wohl anders ist, als ich es gewohnt bin? Wie ist es, aus dem Fenster zu blicken und die Baracken zu sehen, in denen so viele Menschen leiden mussten? Besonders gespannt bin ich auf das Zeitzeugengespräch, das mich erwartet, aber auch für einen kurzen Rundgang ist genug Zeit.

Augen auf

Der „kurze“ Rundgang wird zu einer fast zweistündigen Führung über das gesamte Gelände. Aber die Zeit braucht es auch, wenn man die Baracken, das Krematorium und das Museum besuchen möchte. Überall gibt es Geschichten und Fakten zu erzählen, furchtbar interessant, aber eine schrecklicher als die andere. Irgendwann hätte ich am liebsten die Augen zugemacht, um all das Schlimme auszublenden, das hier passiert ist, aber genau das geht nicht. Und genau dafür leisten so viele Menschen an diesem Ort diese wichtige Arbeit, damit eben nicht vergessen wird.

Für mich geht es dann weiter an die Infotheke im Besucherzentrum, eine willkommene Abwechs-lung zu den bedrückenden Gedanken davor. Wie man Tickets für die geführten Rundgänge verkauft, habe ich relativ schnell begriffen und es macht mir Spaß. Was ich dagegen weniger lustig finde, aber einige Male beobachte: Viele bleiben am Tor stehen und machen erst mal ein Selfie mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“. Haben sie nicht verstanden, was das bedeutet oder bin ich die einzige, die das makaber findet?

Ohren auf

Leider findet das Zeitzeugengespräch doch nicht statt: Max Mannheimer ist krank. Das kann bei einem 95-Jährigen natürlich schon mal vorkommen, ist aber trotzdem schade. Auch wenn ich für einen Tag eigentlich schon genug Schreckliches gesehen habe, wäre das alles aus dem Mund eines Überlebenden sicher viel lebendiger und realer gewesen. Die angemeldete Gruppe bekommt als Ersatz den Film „Der weiße Rabe“ über das Leben von Max Mannheimer gezeigt.

Ich habe danach die Gelegenheit, mich mit dem zuständigen Mitarbeiter zu unterhalten und ich frage ihn, wie es ist hier zu arbeiten: „Nicht so schlimm, wie die Leute immer denken. Die ersten drei Wochen waren schwer, aber es wird zur Routine. Doch natürlich treffen einen immer noch Dinge, vor allem die Zeitzeugengespräche.“

Den restlichen Tag helfe ich im Büro mit: Es gilt, eine Schulung vorzubereiten, Listen auszuhängen, Einnahmen abzurechnen. Immer wieder kommt jemand vorbei und man unterhält sich. Ich lerne viele sympathische Leute kennen und hin und wieder vergesse ich fast, wo ich mich befinde. Insgesamt herrscht eine angenehme Atmosphäre.

Gedanken ordnen

17 Uhr, Aufbruchsstimmung. Auch ich steige wieder ins Auto. Das Radio bleibt noch aus, zu viele Gedanken schwirren mir durch den Kopf. Ein ereignisreicher und spannender Tag liegt hinter mir. Ich habe viel gelernt über die Geschichte und noch mehr, wie man damit umgeht. Nur weil man an so einem Ort arbeitet, muss man nicht den ganzen Tag betrübt sein. Es ist ein Büroalltag, wie jeder andere, doch immer, wenn man aus dem Fenster sieht, weiß man, warum die eigene Arbeit so wichtig ist. Warum es so wichtig ist dafür zu sorgen, dass die Welt nicht vergisst.

Insgesamt hat mir der Tag viel Wissen und viele neue Erfahrungen eingebracht. Ich wusste nicht, wie interessant und lehrreich ein Hospitanztag sein kann, aber ich empfehle es jedem!

KZ Gedenkstätte Dachau: http://www.kz-gedenkstaette-dachau.de/
Zeitzeugenbericht von Max Mannheimer: http://www.kz-gedenk-mdf.de/max-mannheimer