Blick voraus: Studieren nach dem FSJ?

Erfahrungsbericht vom Studieninfotag in Passau: Franziska Gruber, Freiwillige 2014/15 bei der KZ Gedenkstätte Dachau

Von 25 Bildungstagen können alle Freiwilligen im FSJ Kultur zwei Tage auswählen, an denen sie Einblicke in verschiedene Berufssparten oder Studiengänge bekommen. Der Studieninfotag in Passau fand am 21.3.2015 statt.

9.00 Uhr: Wer sucht hier das Studium aus?
Ich sitze in einem Hörsaal und frage mich, ob ich mich im Zimmer geirrt habe. Um mich sitzen Leute, die ihre Studentenzeit schon lange hinter sich haben müssten oder alternativ mindestens das 40. Semester besuchen. Ein großer Teil der zukünftigen Anwält_innen, BWLer_innen, Historiker_innen oder Informatiker_innen wird von den Eltern begleitet. Plural. Und diese Eltern fangen auch sofort an, geschäftig mitzuschreiben, als die Chefin der Studienberatung über Studieren im Bachelor und Master referiert.

Spätestens im zweiten Jahr des Bachelors soll man über den Master nachdenken. Stopp! Ich weiß noch nicht mal, ob es ein Bachelor sein soll oder vielleicht ein Staatsexamen. Die Rednerin spricht weiter über Regelstudienzeiten und Modulgruppen. Die Eltern nicken wichtig, die Kinder schauen zum großen Teil desinteressiert aus dem Fenster oder legen ihr Handy unauffällig neben sich auf den Klappstuhl. Wer sucht hier das Studium aus? In jedem zweiten Satz kommt das Wort Eigenverantwortung vor. EIGENVERANTWORTUNG. Sie nicken weiter wichtig. Verstanden haben sie es nicht.

10.00 Uhr: Medien und Kommunikation
Während ich auf den nächsten Vortrag warte, füllt sich meine Uni-Passau-Tüte mit unendlich viel Infomaterial. Zu fast jedem Studiengang bekomme ich ein Konzept, einen Flyer oder ein ganzes Geheft mit Modulen. Manchmal auch alles drei. Nur Informatik kommt bei mir nicht in die Tüte. Die Tür zu Raum 5 öffnet sich, Massen von Menschen drängen heraus. Da waren gerade die zukünftigen Lehrer_innen drin. Ob sie sich auch mal mit der Lehrerprognose beschäftigt haben, die ihnen eher miserable Zukunftschancen in Bayern prophezeit?

Also, jetzt „irgendwas mit Medien“. Hinter mir unterhalten sich drei Jungs über Stochastik. Bin ich im falschen Raum gelandet? Ich schaue mich um. Die Hipster-Brille hat hier Hochkonjunktur, stimmt schon: „Medien und Kommunikation“. Der erste Redner freut sich so über das Medienzentrum („besser ausgestattet als der Bayerische Rundfunk“), dass er nach fünf Minuten ein vollkommenes Chaos auf dem Pult angerichtet hat und die Blätter langsam von der Tischkante auf den Boden segeln.

Der zweite Herr hat schon mal zu „Germany ’s next Topmodel“ geforscht und von Rhetorik keine Ahnung. Er liest ab, man hört die Kommas. Schriftdeutsch mit Fachsprache garniert. Wohl bekomm´s! „Dies KOMMA die soziologische Perspektive betrachtend KOMMA manifestiert sich vor allem in den Disziplinen der Kommunikations- und Medienwissenschaft.“

Ich vermute nach drei Minuten haben alle den Faden verloren und keine Ahnung mehr, was er eigentlich sagen will. Das hindert ihn aber nicht daran, gefühlte 100 Seiten vorzutragen. PUNKT.

11.00 Uhr: Staatswissenschaften
Endlich bin ich da, wo ich hin will – oder auch nicht. Vielleicht bin ich in einer Stunde schlauer. Staatswissenschaften. Mischung aus Politikwissenschaft, Geschichte, Soziologie, Wirtschaft und Recht. Die Studiengangskoordinatorin tritt ans Pult. Sie ist blond und hat ein bisschen zu viel rot auf den Lippen.

Der Liste mit den meistgesagten Worten (Eigenverantwortung) kann ich hier die Worte „interdisziplinär“ und „komplex“ hinzufügen. Die Welt ist nämlich KOMPLEX. Weil sie so KOMPLEX ist, muss man jedes Problem aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Dabei hilft der INTERDISZIPLINÄRE Studiengang Staatswissenschaften. Diese INTERDISZIPLINARITÄT ermöglicht differenzierte Betrachtungen von Problemstellungen, macht es aber gleichzeitig KOMPLEX das Ganze zu studieren.

Irgendwie bleibt am Ende das Gefühl: Wenn ich das studiere, werde ich am Ende alles ein bisschen können, aber eben nichts ganz. Auf meinem Zettel steht zu meinem Lieblingsstudiengang am wenigsten. Eigentlich bin ich jetzt unsicherer als vorher. Komplex, komplex diese Sache mit der Studienwahl.

12.00 Uhr: Studieren im Ausland und Wohnen in Passau
Jetzt kommt wieder Allgemeines. Studieren im Ausland. Bei über 200 Partnerunis auf der ganzen Welt sollte sich was finden lassen. Voraussetzung: Sprachen. Egal was ich studiere, ich möchte auf jeden Fall neben Englisch und Spanisch noch weitere Sprachen lernen. Nachdem zwischen Chinesisch, Thai und Tschechisch alles möglich ist, sollte auch das kein Problem werden.

Dann hätten wir noch Wohnen in Passau: Am besten nicht zu hoch am Berg (anstrengend zu Fuß oder mit Rad) und nicht zu nah am Wasser – (das nächste Hochwasser kommt bestimmt).

Und dann wären da ja noch Bewerbungsfristen. 15.07. zulassungsbeschränktes Studium, Wohnheim, Ende September Ende Einschreibung. Und schon sind wieder zwei Stunden rum und erst fünf Seiten hier im Notizbuch vollgekritzelt.

14.00 Uhr: Jura
Ausgerechnet ein Jurist hält den besten Vortrag. Wir zerlegen, dass Max und Moritz Diebe nach §§242 I und 25II StGB sind, wenn sie Hähnchen durch den Schornstein angeln. Studierende verschiedener Semester treten ans Mikro und stellen sich vor.

Was braucht man, wenn man Jura studieren will: Problembewusstsein; man muss präzises, logisches, widerspruchsfreies Denken an lieben; und man sollte Spaß haben, an Feinheiten der Sprache. Stopp! Warum beschreibt der Herr da gerade alles, was ich mag? Ich weiß, dass mir in der Schule in Wirtschaft und Recht zweiteres immer Spaß gemacht hat, dass ich es auch ganz gut konnte und dass ich es mir auch als Studium irgendwie vorstellen kann, ich hab mir ja auch schon Vorlesungen angehört.

Mein Problem ist eher nicht, dass ich eine Sache finden müsste, die ich eventuell kann und die mir Spaß macht, sondern, dass es davon mehrere gibt, ich mich für irgendetwas entscheiden muss und etwas anderes dabei auf der Strecke bleiben wird.

15.00 Uhr: „European Studies“ und „European Studies Major“
Die Studiengangskoordinatorin aus Staatswissenschaften ist wieder da. Sie koordiniert offensichtlich alle möglichen Studiengänge. Jetzt sind wir bei „European Studies“ und „European Studies Major“ (mit verpflichtendem Auslandsjahr). Sie hält ihren Vortrag einfach nochmal und tauscht nur ein paar Schlüsselworte aus.

Ihr neues Lieblingswort für die Liste der meistgesagten Worte (Eigenverantwortung, komplex, interdisziplinär) ist jetzt Employability, wahlweise auch auf Deutsch: Beschäftigungsfähigkeit. Eine Studentin, die die Fragen beantwortet, füllt den Vortrag ein bisschen mit Leben. Der Saal wird leerer, die meisten verlassen jetzt die Uni, Tüten schwenkend, die Eltern im Schlepptau, welche sich intensiv über das Gehörte austauschen.

16.00 Uhr: Bohemicum
Der letzte Raum für mich. Er ist am Ende eines Seitenganges, in dem Gang ist niemand, in dem Gang ist Stille und ich will da nicht rein. In dem Raum ist auch niemand. Ich gehe noch dreimal den Gang auf und ab, bis noch ein Mädchen kommt, mit ihren Eltern. Wir gehen zu viert in den Raum. Da ist doch noch jemand, die Dozentin. Es geht um das Bohemicum. Also die Möglichkeit, neben dem Studium in einem Jahr neben dem Studium Tschechisch zu lernen und gleichzeitig ein paar Kurse Landeskunde zu besuchen. Eine osteuropäische Sprache würde ich sehr, sehr gerne noch lernen.

Ist interessant, interessiert aber nur zwei Menschen (+1mal Eltern). In den anderen Vorträgen saßen ein paar hundert Leute. Die Dozentin ist auch ein wenig enttäuscht, dass der Andrang eher beschränkt ist. Tapfer erzählt sie uns trotzdem alles und beantwortet unsere Fragen. Wie wild tippt sie auf ihrer bunten Powerpoint Präsentation herum, fuchtelt mit einem Zeigestab und schiebt uns Broschüren zu. Nachdem sie jede Folie dreimal durch hat und uns keine Frage mehr einfallen, verabschieden wir uns.

16.45 Uhr: am Inn
Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor? Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich einen Schritt vorangekommen bin an diesem Tag. Aber meine Tendenz hat sich verschoben. Irgendwann muss ich mich entscheiden, es ausprobieren und wenn es wirklich falsch sein sollte, kann ich es immer noch ändern.

Es reicht für heute mit Notizen machen.

Ich stehe am Inn, die Sonne scheint, es ist traumhaft schön hier. Ich schaue ins grüne Wasser, fühle die Wärme der Sonne und bin einen Moment lang sehr zufrieden.

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