Culture Kids – auf den Spuren der Kultur

Thomas Baron, Freiwilliger 08/09 bei der Spiellandschaft Stadt in München

„Findet Kultur nur in Museen, Theatern oder Konzertsälen statt? Was hat es dann mit der Esskultur, der Spielkultur oder dem Kulturbeutel auf sich? Was, um Himmels willen, ist eigentlich Kultur?“

Alles Fragen mit denen ich mich in meinem ersten FSJ-Seminar auseinander setzen musste. Damals ging es um das sogenannte „Eigenständige Projekt“, das jeder Freiwillige in seinem Jahr organisieren sollte. Dabei kann der Freiwillige eigene Interessen integrieren und selbst Themenschwerpunkte seiner Arbeit festlegen. Natürlich müssen ebenfalls die Interessen der Einsatzstelle beachtet werden.

Meine Einsatzstelle, die Spiellandschaft Stadt, will als gemeinnütziger Verein eine Verbesserung der Spiel- und Lebenswelt für Kinder und Familienwelt erreichen und mit verschiedenen Spielangeboten eine kinderfreundliche Stadt gestalten. Da ich aber in eben jenen oben erwähnten Konzertsälen größtenteils meine Freizeit verbracht hatte, wusste ich anfangs nicht, wie ich meinen eher „hochkulturell“ geprägten Kulturbegriff mit dem der Spielszene kombinieren sollte.

Kultur aus Kindersicht

Zum Glück waren diese beiden Ansätze doch nicht so verschieden, wie eigentlich angenommen. Sie ließen sich überaschender Weise sehr gut bei den „Culture Kids – den Kulturforschern und Kinderreportern der Spiellandschaft Stadt“ zusammenführen:

Eine Gruppe von 6 bis 10 Kinder zwischen 8 und 14 Jahren durften verschiedene kulturelle Einrichtungen besuchen und dabei spielerisch der Frage nachgehen, wie Kultur in der jeweiligen Einrichtung aussieht. An jeweils drei Nachmittagen erkundeten die Kinder einen bestimmten Kultursektor, anhand der Bayrischen Kinderphilharmonie und des Museums „Villa Stuck“.

Um den Kindern konkrete Aufgaben zu geben und dem spielerischen Element gerecht zu werden, bekamen sie die Rollen von Kulturforschern und Kinderreportern. Sie durften mit Hilfe von digitalen Medien, wie Diktiergerät, Digitalkamera und Laptop ihren Rollen nachkommen und als Forscher die Kultur erkunden. Sie sollten auch selbst an dem Kulturprozess teilhaben, indem sie im Museum zu Künstlern wurden. Zuletzt wurden alle Ergebnisse von den Kindern ausgewertet und in Form einer Internetseite für andere Kinder aufbereitet.

Spiel als Chance

Zu Beginn der ersten Projekteinheit organisierte ich einen Schnuppertag in Form eines offenen Programms. Zusammen mit einer weiteren Mitarbeiterin ließ ich die sieben Kinder zuerst im Internet ausgesuchte You-tube-Videos anschauen, damit sie einen Einblick in die noch unvertraute Materie bekamen. Es folgte das Spiel „Orchester-Memory“: Nach dem Prinzip des bekannten Spiels können sich entsprechende Bilder und Namen von Orchesterinstrumente durch Aufdecken gesammelt werden. Der Spieler bzw. in meinem Fall die Gruppe mit den meisten Paaren hat gewonnen. Schön an dieser Variante fand ich, dass nicht nur Teamgeist gefragt war, sondern auch die eher lauteren Kinder, die bei den Videos nicht aufgepasst hatten, jetzt ohne die vorher aufmerksamen Kinder aufgeschmissen wären.So mussten sich beide Parteien arrangieren.

Im zweiten Teil der Aktion sind wir auf die Straße gegangen und haben die Leute nach deren Musik- und Instrumentenkenntnis gefragt. Die Kinder hatten sehr viel Spaß, mit Mikrophon und Kamera die Kurzinterviews festzuhalten und in die Rolle des Reporters zu schlüpfen. Auch in der Nachbereitungsphase hat es den Kindern sehr gefallen, nach entsprechender Einführung selbstständig mit Laptop und entsprechender Software zu arbeiten. Auch als schließlich sich nur ein (etwas schüchterner) Junge bei dem eigentlichen Projekt in der Bayerischen Kinderphilharmonie angemeldet hatte, machte ihm die Arbeit als Reporter so viel Spaß, dass er immer mutiger und offener bei Generalprobe und Konzert Musiker und Publikum interviewte.

Tags im Museum

Bei der zweiten Projekteinheit, die im Museum „Villa Stuck“ stattfand, versuchten sich dieses Mal acht Kinder als Kulturforscher und Kinderreporter. Das Besondere an diesem Museum ist, dass das Gebäude früher selbst Wohnhaus des Künstlers Franz von Stuck war und Architektur wie Innenausstattung ebenfalls vom Künstler stammen. Da das Projekt in den Ferien stattfand, waren wir einen ganzen und einen halben Tag in der Villa.

Der Direktor persönlich hat uns zuerst durch die verschiedenen Räume geführt und uns allerlei spannende Geschichten zu dem Gebäude erzählt. Die Kinder fanden es dermaßen interessant, dass aus der veranschlagten halben Stunde eineinhalb Stunden wurde. Auch das anschließende Interview dauerte viel länger als geplant, weil den Kindern immer noch eine weitere Frage eingefallen war.

Nach einer kurzen Pause durften die Kinder als Kulturforscher eine Rallye durch die Villa Stuck machen und das neuerworbene Wissen gleich anwenden. Als alle die Aufgaben gelöst hatten, wartete im Jugendzimmer der Villa noch eine Überraschung: Die Kinder durften selbst KünstlerIn werden und mit Hilfe von thematisch angepassten Aufgabenstellungen Kunstwerke malen und zeichnen. Bei der Auswertung am nächsten Tag kam heraus, dass für jedes Kind ein anderer Teil des Projekts „super cool“ war. Auf jeden Fall würden sie nochmals teilnehmen, falls etwas dergleichen angeboten würde.

Mehr Praxis und als Theorie

Was mich anbelangt, möchte ich mich einerseits für das Vertrauen meiner Einsatzstelle in mich bedanken. Mir wurde weitgehend freie Hand in der Realisierung meiner Ideen gelassen, ich hatte aber immer die Möglichkeit Fragen zu stellen. Andererseits war es für mich eine besondere Erfahrung, Verantwortung für ein solches Projekt zu übernehmen. Ich habe dabei auch gemerkt, dass die Vorbereitungszeit z.B. für Werbung oder ein einzelnes Spiel nicht zu unterschätzen ist, sodass ich in Zukunft vorsichtiger einschätzen werde, wie viel Arbeit eine bestimmte Sache macht.

Um nochmal auf meine anfänglichen Bedenken zurückzukommen: Ich muss zugeben, dass das Streben nach einer klaren „Kultur“-Definition in der eigentlichen Projektphase ins Hintertreffen geraten ist. Die umfangreichen Vorbereitungen haben dann doch ihren Tribut gefordert und die Kinder waren verständlicher Weise nicht so sehr an theoretischen Diskusionen interessiert.

Glücklicher Weise muss dieser Artikel auch keiner weitreichenden Begriffsklärung genügen. Dennoch, in dem Buch „Kulturpolitik“ schreibt der Autor Max Fuchs in einem historischen Überblick, dass Kultur auch „ein Begriff der Vielfalt ist: Es geht nicht um die Kultur, sondern es geht immer um Kulturen in einer emanzipatorischen Absicht, nämlich mit dem Ziel, die Gleichberechtigung unterschiedlichster Lebensformen („Kulturen“) zu belegen“ (siehe S. 11).

Mir hat mein Projekt bzw. mein ganzes FSJ gezeigt: Im Spiel beginnt die Chance, offen zu werden für neue Ideen und Handlungsimpulse. Davon können Kinder profitieren, aber auch wir.

Der Kultur sei Dank.