„… dass es Leute gibt, die freiwillig in den Knast gehen!“

Andi Wallner, Freiwilliger 05/06 im Chapeau Claque, Bamberg (Theaterprojekt im Jugendknast)

Man stelle sich vor, mal eine Stunde lang gar nichts zu machen. Einfach nur auf dem Bett liegen und nichts zu machen. Dann nimmt man das mal 24 und ist bei einem Tag nichts tun. Weil das schon lange ist, gibt’s Abwechslung, Hilfsmittel sind Tabak, Kaffee, vielleicht auch ein Fernseher. Es geht noch mehr, mal 7, mal 30, mal 12 – wir sind bei einem Jahr – vielleicht sogar noch mit 3 oder so multipliziert. Wären 60x24x7x30x3 Minuten. Ist eine etwas übertriebene Vorstellung: Wir nehmen statt 24, 22 Stunden (eine Stunde pro Tag, dient der Freizeitgestaltung auf dem Gang, eine Stunde darf man zusätzlich noch frische Luft genießen).

Dieser ganze Zeitplan ist kein Urlaub, sondern Knastalltag in einer Jugendjustizvollzugsanstalt. Während man sich so Gedanken macht, über all die Dinge, kommt Hans, der Gefängnisseelsorger des Weges, der gezielt Leute fragt, ob sie denn Lust hätten, bei einem Theaterprojekt zu „Romeo und Julia“ mitzumachen. „Ja, okay.“ ‚Egal, ob positive, oder negative Abwechslung….’


Knast und Kultur?!

„Das ist Andi, von Chapeau Claque Bamberg, einem Verein, wo er ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Kultur macht und unter anderem dort Theater spielt, der andere ist Bernd, Fotograf und Regisseur von Romeo und Julia. Sie haben geplant mit einer kleinen Gruppe von Insassen hier – also mit mir und euch allen – ein Projekt zu Romeo und Julia zu starten. Mehr weiß ich auch nicht.“
„Hallo! Danke Hans. Wie gesagt, bin Andi, bin 20 (…). Wer von euch kennt Romeo und Julia?“
„Ist doch so ne Liebesschnulze!“
„Sehen wir uns den Film an, von Baz Luhrmann, damit ihr die Geschichte kennt“
„Wieso labern die so´n Müll? Versteht doch kein Schwein!“
„Also, unser Plan ist, die Geschichte von Romeo und Julia hier auf den Knast zu übertragen. Die Geschichte ist nicht nur ne Schnulze, da steckt ein kleiner Bandenkrieg mit drin, ein Priester, der Vermittler spielt, unerreichbare Liebe, gesellschaftliche Konventionen … Was wir machen, kommt auf euch an, wir haben Ideen, aber maßgeblich soll alles von euch kommen!“

Wir wussten wirklich nicht, was wir genau machen wollen, in erster Linie herausfinden, ob Romeo und Julia auch auf ein solches Terrain zu übertragen ist. Wir wollten wissen, was hinter all diesem Menschen im Knast steckt, wir wollten testen, ob Knast offen für Kultur ist, wir wollten wissen, was Knast ist und das nach außen tragen, ob wir so einer Aufgabe überhaupt gewachsen sind. Es gibt unzählige Gründe für dieses Projekt: Wichtigster: wahrscheinlich einfach nur diese riesengroße Neugierde, was denn aus unserem Vorhaben wird und wie es denn im Endeffekt umgesetzt wird. Das wussten wir nicht, das sollte Arbeit der Insassen sein. Aber die waren erstmal kritisch, aber hey: „Wir sind keine Pädagogen, keine Psychologen, keine Justizbeamte, wir sind Leute wie ihr (nur ohne Dreck am Stecken).“


Zu viele Ideen, zu wenig Zeit

Wir haben den zeitlichen Rahmen für das Projekt um Vielfaches gesprengt, weil wir uns kennen lernen mussten. Natürlich auch im Hinblick auf die Arbeit, aber in erster Linie aus rein persönlichen Interessen, und das beruhte auf Gegenseitigkeit: Wir von draußen wollten erfahren und haben über uns erzählt, genauso ging es andersherum. Die Geschichte von Romeo und Julia war immer der Aufhänger, den man nimmt um ins Gespräch zu kommen. Und schon hat man, ohne es zu wollen, zig Parallelen zwischen der Geschichte und dem Vergleich, den die Jugendlichen zu ihrer eigenen Situation ziehen.

Der minimale Plan, den wir in Punkto Zeitmanagement hatten, musste verworfen werden: Man kann nicht sagen, wir brauchen fünf Tage für die Arbeit im Knast, dann noch ein paar Wochen um das Material auszuwerten. Jeder Tag – sowohl im Gefängnis, als auch draußen – brachte zig neue Ideen, bei jedem der Teilnehmer. Das musste berücksichtigt werden!


Dramatisches in der JVA

Die Idee wurde klarer: Wir wollten einen Film machen, parallele Situationen zu den Schlüsselszenen von Romeo und Julia in der JVA darstellen. Drehbuch auf Flipchart skizziert, Szenen rausgepickt, Kameras in die Hand und ab zu den Drehorten im Knast. Szenen spontan, improvisiert nachgestellt. Jeder war Regisseur, jeder war Drehbuchautor, also darf auch jeder Romeo spielen, denn: Wer von den Jungs da drinnen hat denn nicht sein eigenes Leid zu tragen? Jeder stellt sich seine Julia anders vor! Also, jeder durfte ran. Wobei von Anfang an die lauteste Frage war: „Wer wird Julia sein?“

Julia kam am dritten Termin mit, ihr war unwohl, sie ist auch die Julia-Darstellerin von der Chapeau-Claque-Inszenierung. Und wer bekommt als erstes Kaffee, als wir in der Runde sitzen? Wem wird vorher schon der Stuhl zurecht gerutscht? Und wem wird anstandslos jedes Begehr von den Augen abgelesen? Natürlich hat jeder von den sieben Jungs was auf dem Kerbholz, aber das alte Spiel zwischen Männlein und Weiblein kennt wohl keine gesellschaftlichen Diskrepanzen …

An insgesamt sieben Drehtagen, mit Ideen, die für mehrteilige Kinoblockbuster gereicht hätten, war das Rohmaterial fertig. Dem aber nicht genug, sind Bernd und ich leider auch Perfektionisten, das heißt: Wir arbeiten immer noch am Schnitt, wir wollen noch mindestens zwei Mal in die JVA um Interviews zu drehen, zu reden, um die Meinung der aktiven Teilnehmer einzufangen. Es dauert also immer noch an, und das, obwohl ich schon mit dem FSJ Kultur abgeschlossen habe und die Zeit, die ich jetzt investiere reine Freizeit ist. Ebenso ist es bei Bernd, der zwischen seinen zig Projekten die eher brotlose Arbeit an dem Videoprojekt irgendwie mit unterbringt.

Der Boden der Tatsachen

Die Ziele sind noch hoch gesteckt, der Film soll nach bestem Können fertig geschnitten werden, soll überall wo möglich vorgeführt werden, es soll eine offizielle Präsentation zeitgleich in Bamberg und in der JVA folgen. Da der finanzielle Rahmen doch eher mager ist, bauen wir auf die praktische Unterstützung von Dritten. Chapeau Claque hat mir von Anfang an freie Hand gelassen, beobachtet, wie sich das entwickelt, Inspirationen für die Arbeit gegeben und immer mehr Interesse daran gewonnen, denn anscheinend, auch wenn die Umsetzung schwierig ist, kommt was Wunderbares heraus – sowohl für die Insassen der JVA, für die Leute draußen, der Film an sich, die Öffentlichkeitsarbeit von Chapeau Claque …

„Wir von draußen“ wurden aber auch regelmäßig auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt – und das nicht nur finanziell, zum Beispiel durch Verlegungen einzelner Teilnehmer unseres Projektes wegen Straffhandlungen innerhalb der Gefängnismauern. Das ist kein einfaches Milieu, aber meiner Ansicht nach keine eigene Gesellschaft, sondern Teil unserer.

Was bleibt?

Was die Insassen mitbekommen haben: Erstmal Erstaunen, dass sie was mit Film und Theater gemacht haben, dann dass es Leute gibt, die freiwillig in den Knast gehen und nicht um dort einen Bekannten zu besuchen, Spannung, was sie geleistet haben. Sollten jetzt alle Eigenschaften aufgezählt werden, die mittels Theaterpädagogik vermittelt werden? Das war nicht das Ziel! Viel schöner war die Entwicklung, zu der die Teilnehmer im Stande gewesen sind. Ich denke aber auch ganz banal: Ich glaube, sie sind ziemlich stolz auf sich.

Natürlich gibt es auch ein persönliches Fazit: So ein Projekt ist schwer realisierbar. Die finanzielle Unterstützung kam bis jetzt nur durch eine einzige Förderung durch „Jugend für Jugend“. Aber, wenn einem erstmal Vertrauen und freie Hand gewährt wird, wenn man selbst so begeistert von einer Idee ist, ist es auch leichter, andere davon zu überzeugen, sodass am Ende alle bereit sind, soviel Zeit und Herzblut zu investieren, wie es persönlich nur möglich ist. Und dann scheint auch der große Schatten „Finanzierung“ eher kleiner.