Die verzweifelte Suche nach der vernünftigen Entscheidung

Katharina Zimmermann, Freiwillige 10/11 beim Theater Hof

Es ist ein Uhr morgens. Meinen Kopf – nach zwei Stunden Nachtragen von Regieanweisungen von der Abendprobe – auf das Regiebuch abgelegt, überlege ich kurz, ob ich ein Zimmer weitergehen und meiner Mitbewohnerin die Ohren vollheulen soll, der Aufwand erscheint mir dann aber doch zu groß. Ich nutze also die Zeit der Resignation dazu, um zu überlegen, wie ich hier eigentlich gelandet bin.

Von Ratschlägen und Ratlosigkeit

Es war Mitte März 2010. Das Abitur endlich in der Tasche und nicht wirklich erfüllt im Aushilfsjob als Softeisverkäuferin überlegte ich – das Drängen der Familie nun etwas Vernünftiges zu machen im Nacken –, was ich denn nun mit meiner Zukunft anfangen könnte. Vernünftig, so hatte ich mal gehört, sei ein Studium, besser noch eine Ausbildung: „Da verdienst du gleich Geld, bist unabhängig, trägst Verantwortung und du musst ja irgendwann auch mal in deine Rentenkasse einzahlen.“

Ich schrieb Bewerbungen und bemerkte plötzlich, dass das trockene und brav abgetippte Grundgerüst von Bewerbung meinen Zustand widerspiegelte: Ratlosigkeit. Mir wurde klar, dass die Schulzeit darin bestanden hatte, das zu machen, was einem vorgeschrieben wurde. Und nun war die Tatsache, ins kalte Wasser geschmissen zu sein und entscheiden zu müssen, was man sein Leben lang beruflich machen will, überfordernd.

Mein Interesse ging in Richtung Kultur. Aber ich wollte mich, im Hinblick auf nötige Fähigkeiten für das Berufsleben, selbst erst einmal besser kennen lernen: mich ausprobieren, gucken ob Stärken, die mir von anderen mitgeteilt wurden, auch tatsächlich meine Stärken waren.

Tatsächlich hatte ich dann eine Bewerbung geschrieben, die mich, meinen Charakter und meine Interessen sogar widerspiegelte. Nach einer kurzen Wartezeit wurde ich von der BAG Spielmobile an das theater hof vermittelt und bekam eine Stelle im FSJ Kultur. In Kürze hatte ich ein WG-Zimmer und einen Umzug organisiert landete in der kleinen Stadt Hof „in Bayern ganz oben“.

Dosierte Herausforderungen

Begonnen hat am Theater dann alles mit einer Assistenz der Regieassistenz bei der Produktion von „Faust II“. Langsam, hilfsbereit und wider Erwarten sachte herangeführt an die Aufgaben einer Regieassistentin fand ich mich schon bald gut aufgenommen und aufgehoben inmitten von Darstellern und Kollegen. So folgten schon bald die Premiere dieses Stückes und weitere Assistenzen im Schauspiel wie auch im Musiktheater, wo ich schnell merkte, dass die Arbeit des Regieassistenten zwar anstrengend und nicht selten undankbar, dafür aber auch unheimlich spannend und verantwortungsvoll ist.

Ein weiterer wichtiger Aufgabenbereich in meinem Freiwilligen SozialenJahr in der Kultur war der der Theaterpädagogik, bei dem ich dank meiner Chefin ebenfalls viel Neues lernen und für mich entdecken konnte. So gaben wir zum Beispiel Fantasieförderungskurse im Kindergarten, Präsenzseminare in Schulen und Firmen, machten Theaterführungen für Kinder und für Erwachsene und führten unter anderem sogar ein Projekt mit den Bewohnern eines Resozialisierungsheims durch. So bot sich mir also jeden Tag etwas Neues, bei dem ich mich ausprobieren konnte, dabei aber trotzdem immer nur so stark gefordert wurde, wie man wusste, dass ich es mir auch selbst zutraute.


Projekt Poetry-Slam

Gestärkt durch die Mitarbeiter des Theaters, die mir jederzeit mit Rat und Tat zur Seite standen, allen voran meiner Chefin, machte ich mich Anfang Februar 2011 an die Planung meines eigenen Projektes, das im April 2011 in Form eines Poetry-Slam-Abends mit Live-Musik im Foyer des Theaters stattfand. Die Durchführung dieses eigenverantwortlich gewählten und organisierten Projektes habe ich als unheimlich hilfreich für meinen Berufswunsch empfunden, da ich Sponsoren auftreiben, mich um die Werbung, die Kandidaten, die Verpflegung durch einen Catering Service und um hausinterne Vorgänge wie Fluchtwege, Sicherheitsbestimmungen etc. kümmern und sie in meine Entscheidungen mit einbauen musste.

Dieses Projekt hat mich vor allem erkennen lassen, dass der Weg vom Wunschziel bis hin zum endgültigen Ergebnis einiges an Ideenverlusten fordert und hat mich damit insgesamt wohl etwas realistischer werden lassen.

Die Seminare

Ebenfalls wertvoll im Herausfiltern von Interessen und Stärken waren die Seminare der BAG Spielmobile, bei denen man, in Form einer angebotenen Vielzahl von fachmännisch geleiteten Workshops, die Unmengen an Kulturrichtungen kennenlernen und für sich austesten konnte: Modedesign, Kreatives Schreiben, Fotografie, Film, Schauspiel, Schmuck-Design und vieles, vieles andere.

Ein weiterer Gewinn: das Kennenlernen vieler interessanter Menschen, denen es bei dem leidigen Thema Berufswahl ebenfalls so ging wie mir und die, wie ich die Erfahrung gemacht habe, im Laufe der insgesamt vier Seminare eng zusammengewachsen sind.

Von der Resignation zur Motivation

Zusammengewachsen sind, wie ich gerade realisiere, mittlerweile auch mein Kopf und der aufgeschlagene Regiebuch-Ordner. Wehleidig löse ich mich von den mittlerweile etwas zerknitterten Seiten und sehe beim Blick in die Glasscheibe meines Fensters graue Bleistiftfarbe auf meiner rechten Backe. Das nenne ich Verinnerlichung der Arbeitsmoral am Theater, diesem Mikrokosmos voller spannender, leicht verrückter Menschen, die zufällig zusammenkommen und eine Spielzeit lang zehn bis zwölf Stunden täglich aufeinander hocken.

Der Gedanke entlockt meinem mittlerweile vollkommen bleistiftverschmierten Gesicht ein breites Grinsen. Dies wiederum lässt mich die Entscheidung treffen, trotz sich drehender Augen und einem leichten Schwindelgefühl, den Bleistift ein letztes Mal anzuspitzen, die „König der Löwen-CD“ erneut anzuwerfen und mich topmotiviert an die letzten drei Seiten der heute inszenierten Passagen zu begeben. Während Rafiki das Lied „He lives in you“ anstimmt, überkommt mich ein Gefühl von Einsicht darüber, dass ich froh darüber bin, mir dieses Jahr gegönnt zu haben und mich hinsichtlich meiner weiteren Planung bei viel Hilfestellung nun endlich orientiert zu haben.

Das Beste an dieser ganzen Geschichte überhaupt, ist die Freude darüber, bei Anrufen der lieben Familie antworten zu können: „Ich habe entschieden, ab dem Wintersemester Kunst- und Kulturmanagement zu studieren und wisst ihr was? Ich freue mich darauf, die Bewerbung abzuschicken!“