„Die Zeit am Theater hat uns geprägt“

Prisca Wensch und Heike Dewaldt, Freiwillige am Theater Erlangen 2010/11

„Mit dem Leben ist es wie mit einem Theaterstück, es kommt nicht darauf an wie lange es ist, sondern wie bunt!“ Und nach 13 Jahren Schule muss es mal wieder was Buntes sein. Aber was soll das denn sein? Was wollt ich schon immer mal machen? Definitiv: Theater! Ja, ich wollte schon immer mal im Theater arbeiten und den Leuten dort über die Schulter schauen, die Atmosphäre hinter der Bühne miterleben und bei der Entstehung eines Stückes dabei sein. Jawoll! Und wie geht das?

Ein Freiwilliges Soziales Jahr der Kultur am Theater. Ein Jahr Arbeiten am Theater. Ja, das wärs. Los geht’s. Online-Bewerbung. In welches Bundesland will ich? Egal. Hauptsache mal weg von zu Hause. Zusage für Bayern erhalten. Vorstellungsgespräch in Erlangen ergattert. Geklappt. Erleichterung. Freude. Wieder zu Hause. Abiball. WG-Suche. Erfolg gehabt. Sogar ein Haus mit Garten, zusammen mit fünf anderen. Abschied .Umzug. Hallo Franken.

In nur einem Jahr so viel erlebt, dass man sein ganzes Leben davon profitieren wird und sogar noch seinen Enkeln erzählen kann!

„Die Rolle des FSJlers am Theater ist großartig“

„Wenn du den Eindruck hast, dass das Leben Theater ist, dann such dir eine Rolle aus, die dir so richtig Spaß macht“.ie Rolle des FSJlers am Theater ist großartig, um den Alltag und die Arbeitsprozesse am und im Theater zu erkunden. Man bekommt die Möglichkeit in alle Abteilungen zu schnuppern, Fragen zu stellen und man erfährt von Berufen, die einem so noch nicht in den Sinn kamen.

Man darf bei Proben einer der ersten Zuschauer sein, die Kritiken als Erster lesen und die Kopien dann den Kollegen überreichen. Während einer Inszenierung zwischen der Dramaturgin und der Regisseurin sitzen, Verantwortung für seine Kollegen und das ganze Theater übernehmen. Man begegnet Menschen, deren Namen man schon Jahre zuvor in Zeitungen gelesen hat, bei denen man sich nie erträumt hätte, ihnen zu begegnen. Man kann die Entwicklung der Theatertrailer zu verfolgen, den ganzen Entstehungsprozess einer Produktion mitbekommen, die Schauspieler beim Einkaufen treffen, am Geburtstag überraschend von vielen Kollegen Geschenke und Blumen bekommen (als unsere Schauspieler einen Ensemble-Preis bekamen, haben sie sogar uns in ihrer Dankesrede erwähnt), bei Premieren hinter die Bühne gehen und Theater pur erleben, zwar selten Lob bekommen, aber wenn, dann richtig, Kollegen sagen hören, dass sie uns schätzen und die nächste Spielzeit vermissen werden, bei Proben dabei sein, miterleben wie ein Stück entsteht, 280 Euro im Monat verdienen.

„Man braucht eben ein hartes Fell“

Doch das Geld ist knapp und somit ist Reisen, Shoppen, Feiern nicht mehr so oft möglich. Mieten in Erlangen sind teuer, die Stadt wimmelt von Siemens-Mitarbeitern die die Preise in die Höhe treiben. Das müssen dann notfalls auch die Eltern übernehmen. Außerdem kommen des Öfteren spontane Arbeiten, die schon mal auf Samstag oder Sonntag fallen. Dann ist es mal wieder nichts mit Wochenende. Wenn die Verwaltungsdamen um 17 Uhr Feierabend machen, sitzen wir schon mal bis 20 Uhr im Büro. Oder wenn wir bei Proben helfen, gerne auch mal bis 23 Uhr. Es lohnt sich trotzdem.

Glücklich bin ich sehr hier zu arbeiten. Ja, mit Interesse, Motivation und Spaß war ich anfangs voll dabei und jetzt ist es so lala. Man braucht eben ein hartes Fell. In einem Theater stoßen so viele extreme Individuen, oder auch Künstler genannt, aufeinander, da gibt es schon mal dicke Luft. Auch wenn wir FSJler nicht persönlich involviert sind, überträgt sich die Atmosphäre auch auf uns. Mal so, mal so eben. Der Alltag ist eben eingekehrt. Hätte nie gedacht, dass ich mal so über die Arbeit am Theater rede – jetzt ist es so.
Man ist einfach Teil vom Ganzen. Man ist mittendrin. Geht mit den Kollegen durch dick und dünn. Hilft und unterstützt wo man kann. Aber man gehört dazu. Zum ganzen Theater, und das ist zwar anstrengend, aber schön!

„Das FSJ hat mir einen optimalen Einblick verschafft“

Doch das Jahr ist fast rum. Und was kommt jetzt? Die Zeit am Theater hat uns geprägt. Theaterwissenschaften zu studieren kommt nicht mehr in Frage. Jedenfalls nicht mehr, sich nur darauf zu konzentrieren. Erst mal Theater als Leidenschaft behalten, und hoffen, dass das Kribbeln wieder im Bauch entsteht, wenn der Vorhang fällt.

Das FSJ hat mir wirklich einen optimalen Einblick verschafft. Ich kenne mich jetzt super aus und weiß über das Theater, die Prozesse und Abläufe dort Bescheid. Außerdem kann ich jetzt Wäsche waschen, kenne mich mit amtlichen Anträgen und Menschen im reiferen Alter aus, die sich trotzdem wie ätzende Kleinkinder aufführen, und mein Wissen über Menschenkenntnis ist so erweitert, dass es langsam reicht. Ich hab mit extrem verschiedenen Menschen in einer WG unter einem Dach gewohnt. Musste WG-Partys mit den schlimmsten Menschen überstehen, mich für meine geregelte Arbeitswoche rechtfertigen, auf Zehenspitzen morgens aufstehen, damit ich die Studenten nicht wecke, und wehe, ich räum, wenn ich Küchendienst hab, nicht gleich nach Feierabend die Spülmaschine aus. Doch ich steh auf meinen eigenen Beinen. Und hab mein Leben selbst in der Hand.

Ich freue mich, diese Möglichkeit für mich erhalten zu haben. Missen? Niemals!