Ganz nah dran an der Theater-Kultur

Philip Frischkorn, Freiwilliger 08/09 in den Münchner Kammerspielen

Eben mal zwanzig werden. Gerade noch das Abitur in lebhafter Erinnerung und schon dabei 40 Stunden in der Woche zu arbeiten. Ob ich mir das so vorgestellt habe. Ehrlich gesagt nein. Aber man kann sich als Schüler nicht vorstellen, was es bedeutet, einen vollen Arbeitstag hinter sich zu haben. Und ob es sich lohnt? Na klar! Man lernt in so kurzer Zeit so viele Dinge, über die man in der Schule nicht spricht. Super. Aber mal langsam und von vorne.

Münchner Kammerspiele. Na klar, den Namen habe ich schon mal gehört. Sicher ich war auch schon vier- oder fünfmal da um mir eine Aufführung anzuschauen. Bewerbungsgespräch. Jürgen, mein späterer Chef, rannte durchs Haus. Redete in einer unglaublichen Geschwindigkeit, fast noch schneller als er ging, und ständig telefonierte er. Chaos pur. Aber das vorneweg: alles sehr sympathisch. Zum Abschluss richtig lange Kaffee trinken in der Sonne und lange reden. Dann abwarten. Als Jürgen sich dann bei mir meldet und mir die Stelle anbietet, fackele ich nicht lange.

Wie Switchen und Patchen zum Alltag werden

Erster Arbeitstag. Ich verstehe kein Wort von dem was die von sich geben. den ganzen Tag wird gepatcht, irgendwas mit Switchen gemacht. Geswappt. Delay-lines gebaut. Über post pre fader nachgedacht. Und Boxen mit ausgefallenen Bezeichnungen wie CPA04 werden durch die Gegend getragen. Es dauert sicher drei Tage, bis ich mich nicht mehr verlaufe, und weiter drei Monate, bis ich alle möglichen Wege kenne. Und sicher sechs Monate, bis ich voll mitreden kann. Glück für mich ist, dass Martin den liebevollen Lehrer gibt. Alles darf gefragt werden. Bitte auch zweimal, sobald Zeit ist, werden dann alle Fragen ausführlich und geduldig geklärt. So verfliegt selbst die Angst vor dem Switchen und Patchen.

Unglaublich schnell wird das Theater zum Alltag. Vor zehn ist keiner da. Die Leute laufen in verrückten Kostümen herum, trinken viel Alkohol, rauchen viel, reden viel. Es gibt eine Sieben-Tage-Woche, und nur der Sonntag ist ein bisschen anders. Ich arbeite jede Woche zu anderen Zeiten und immer öfter auch abends. Nach und nach lerne ich mehr und mehr Vorstellungen kennen und helfe den Kollegen beim Auf- und Abbau. Am Ende der Spielzeit sind es fast zehn. Die Zeit vergeht jetzt schon rasend. Erstes Seminar. Erste Kontakte zu den anderen FSJlern entstehen. Nächste Premiere. Schauspielhaus. Werkraum. Neues Haus und die Probenbühnen alle wollen betreut werden und alle wollen heute das und morgen dies und übermorgen etwas ganz anders

Ende Januar ist man müde. Zum ersten Mal kommt ein bisschen Alltag auf und mit dem Alltag auch die Frage: Wofür mache ich diese Sklavenarbeit den ganzen Tag? Fünf Tage die Woche. Der Zufall kommt mir zur Hilfe. Über zahlreiche Wege des Schicksals habe ich auf einmal die Möglichkeit, eine eigene Produktion zu betreuen. Dieses Gefühl macht Spaß und glücklich. Die mögen dich. Die vertrauen dir. Die arbeiten gerne mit dir zusammen. Die lassen dich die Dinge auch selber machen und die unterstützen dich soweit es geht.

Absurd, aber begeisternd

Ab März dann rast das Jahr vorwärts. Noch ein Seminar. Die nächsten Premieren. Den ganzen Mai über Gastspiele in Wien, Berlin, Amsterdam, Mühlheim und an weiteren Orten. Die Technik zu verladen und wieder auszuladen wird zum Tagesgeschäft. Langsam ist alles entdeckt. Vorstellungen, die man zum zehnten Mal sieht, werden zur Routine.

Mich rettet, dass ich diesen absurden Zug des Theaters – morgens aufbauen, mittags umbauen und abends abbauen – schon lieb gewonnen habe. Außerdem erwacht erst während des Jahres die richtige Begeisterung für das Theater, und ich bemerke, wie viel Spaß es mir auch beim zehntenmal noch macht, den Schauspielern auf der Bühne zuzuschauen.

Wie es zu Ende geht

Sehr dankbar für die vielen neuen Erfahrungen, dankbar für die Möglichkeit so viel mitzuerleben, dankbar eine Welt kennenzulernen, die nur wenige so kennen können, dankbar für die gute Zusammenarbeit, dankbar für die Kontakte, die noch lange halten werden, dankbar für die spannenden Stunden, ich bin wirklich dankbar. Müde und erschöpft bin ich. Erinnerungen bleiben an eine spannendes oft anstrengendes Jahr; und neue Dinge warten.

Warum FSJ Kultur? Das ist für mich ganz klar. Vor dem langen Nachdenken im Studium hilft ein FSJ Kultur einen Bezug zu Arbeitsrealität zu schaffen. Die Möglichkeit, so nah an kultureller Arbeit dran gewesen zu sein, will ich keinesfalls missen. Auf einmal hat man die Chance herauszufinden, was 40 Stunden Arbeit tatsächlich bedeuten und wie das dann noch geht mit Freunde treffen, Büchern, Kino, der ganzen Dreckwäsche und Essen und genügend Schlaf. Danke dafür.