Kultur und Erfahrungen statt Euro und Soziologie

Marie Weich, Freiwillige 07/08 im Theater Mummpitz, Nürnberg

Neues Bundesland, neue Stadt, neue Menschen, neue Busverbindung, neue Aufstehzeit, neues Zimmer (7 Quadratmeter), neue Aufgaben, neues Leben. Und das alles in so kurzer Zeit. Noch schnell die letzten Abschiedsworte ausgesprochen und dann fährt das Auto nach Bayern. Bayern, dieses dunkelschwarze Bundesland, wo die Leute alle Lederhosen tragen ihre Sprache rauswürgen und fürchterlich arrogant sind – zumindest, wenn man meinen hessischen Freunden glauben will.

An wenigen Tagen ändert sich alles. Fast alles: Der Wecker klingelt immer noch, nur später, und ich muss auf ihn hören. Da ist keine Mutter mehr, die einen zweiten Weckkontrollruf durch den Hausflur brüllt. Aufstehen und zur Arbeit gehen. Und das alles nur für Lebenserfahrungen. Deshalb wollte ich ein FSJ machen, um noch mal Abwechslung vom Lernen zu haben, um möglichst viel zu erfahren.

Und das ist etwa in einer WG wohnen, das ist mit einer Straßenkarte durch eine neue Stadt irren, das ist zitternd und ziemlich krank auf den Fliesen im Bad sitzen und sein eigenes Erbrochenes aufwischen, das ist plötzlich arbeiten, und das ist auch Verantwortung – das große Wort – zu tragen in allen Lebensbereichen.

Kultur von Innen

Neben dem Sammeln von Lebenserfahrungen wollte ich einen Kulturbetrieb von innen kennen lernen. Dafür ist das FSJ Kultur natürlich richtig gut geeignet. Gerade in meiner Einsatzstelle, dem Theater Mummpitz, einem freien Kindertheater aus Nürnberg. Ich habe in meinem Jahr wirklich in beinahe alle Bereiche der Theaterarbeit einsehen dürfen: Ich habe mit Technikerinnen genauso gearbeitet wie mit der Theaterpädagogin, habe bei der Öffentlichkeitsarbeit helfen und natürlich Regieassistenzen für verschiedene Produktionen übernehmen dürfen.

Somit habe ich einen Kulturbetrieb wirklich von innen kennen gelernt. Und noch dazu einen sehr schönen, engagierten und freundlichen Kulturbetrieb. Mein Blick auf Theaterarbeit ist jetzt beinahe ein bisschen verklärt. Das kann aber auch nicht schaden, ich kenne jetzt zumindest ein absolutes Positivbeispiel für einen Kulturbetrieb.

Eine ganz andere nicht besonders schöne Erfahrung, auf die ich vielleicht hätte verzichten können, ist das Sitzen des FSJlers zwischen den Stühlen. Schule ist neben Bildungsanstalt auch ein sehr geeigneter Rahmen, gleichaltrige Menschen kennen zu lernen. Im Studium geht das dann weiter mit dem Rahmen. Das FSJ bietet hier ein Loch. Ich war die einzige FSJlerin in der Kultur in Nürnberg. Natürlich habe ich auch sehr liebe und wertvolle Menschen gefunden. Aber es war nicht so einfach, wie das zuvor immer war.


Spontanimprovisationen über die Fäulnisgrotte

Wobei man nicht vergessen darf, was eigentlich die wichtigste und tollste Erfahrung ist, die man im FSJ Kultur sammeln kann: Viermal im Jahr treffen sich alle FSJler Bayerns zu Seminaren. Eine Woche lang hängt man in Jugendherbergen aufeinander und lernt sich kennen. Und das sind Menschen, die es wirklich lohnt kennen zu lernen. Was ich mir seit dem ersten Seminar abgewöhnt habe, ist das Entschuldigen für Kulturbegeisterung. Diese FSJler sind fast alle so, also begeistert. Die haben ja alle was mit Kultur am Hut und die lieben Kultur so sehr, dass sie es in Kauf nehmen für sehr, von sehr wenig Geld ein Jahr lang zu leben.

Ausgezahlt wird man mit Kultur, nicht mit Euro. Und was passiert, wenn knapp fünfzig kulturelle Jugendliche aufeinanderprallen, ist ziemlich unglaublich und eine Erfahrung, die ich nicht missen will. Jetzt anzufangen über Ingeborg-Bachmann-Abende, Gitarrenrunden, Spontanimprovisationen über die Fäulnisgrotte oder vorsichtige künstlerische Umgestaltung der Jugendherbergen zu berichten, würde nur in Sentimentalitäten enden. Das sind wirklich Erfahrungen, die man selber machen muss und sollte.

„… ein bisschen gewachsen“

Jetzt neigt sich mein Jahr dem Ende zu. Ich habe so viel erlebt und bin tatsächlich auch weitergekommen. Das Jahr soll unter anderem als Orientierungsjahr dienen. Ich werde Theaterwissenschaften studieren. Darauf war ich komischerweise vor einem Jahr noch nicht gekommen. Die Arbeit am Theater hat mich aber eindeutig in diese Richtung gedrängt. Wer weiß, wie glücklich ich wäre, würde ich jetzt, was letztes Jahr tatsächlich zur Diskussion stand, Soziologie studieren. Da scheint tatsächlich einiges passiert zu sein in diesen zwölf Monaten.

Und jetzt passt das alles von früher nicht mehr richtig. Das alte Bundesland, das alte Dorf, leider auch viele der alten Menschen, die Erinnerung an den alten Alltag und natürlich auch das alte Leben. Fühlt sich alles nicht mehr richtig an und hat nicht mehr besonders viel mit mir zu tun. Ich glaube fast, und das soll jetzt nicht irgendwie doof pathetisch klingen, ich könnte an diesem Jahr ein bisschen gewachsen sein.