Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum

Ricarda Schlegel, Freiwillige 09/10 in der Musikschule Fürth

„Und, groovt’s?“ Dass ich auf die Frage meines Chefs nach meiner neuen Wohnung „Und, ’ne Gruft?“ verstehe, mag daran gelegen haben, dass ich gerade erst aus der Nähe von Bremen nach Franken gezogen war. Es war September und mein erster Arbeitstag an der Musikschule Fürth als neue FSJlerin hatte gerade begonnen.

Auf der Suche nach einer Auszeit nach der Schule, Berufsorientierung sowie Horizonterweiterung durch neue Eindrücke, Aufgaben und Kontakte fand ich, dass ein Freiwilliges Soziales Jahr genau das Richtige für mich wäre. Durch jahrelangen Klavierunterricht kannte ich „meine“ ortsansässige Musikschule ganz gut, hatte jedoch nur eine geringe Ahnung davon, wie es hinter den Kulissen eines solchen Bildungs- und Kulturbetriebs tatsächlich aussieht. Ich entschied mich also, dem Norden Deutschlands für ein Jahr den Rücken zu kehren und bezog voller Neugier und Vorfreude mein Zimmer in einer Wohngemeinschaft in Fürth. Und ja, sie hat gegroovt!

Die Erfahrungen, die ich in diesen zwölf Monaten gemacht habe, sind gar nicht zu vergleichen mit dem, was man in 13 Jahren Schule lernt – und sollten es wohl auch nicht sein, sind sie doch von ganz anderer Qualität. Für mich hieß das: Selbstständigkeit statt Schulaufgaben, Neugierde statt Notendruck, anpacken statt auswendig lernen, sich einbringen statt stillsitzen. Wie sieht das Arbeitsleben wirklich aus? Wie ist ein (Kultur)Betrieb organisiert? Wie entstehen neue Ideen und wie werden diese umgesetzt? Antworten auf solche Fragen bekommt man nur, wenn man selbst dabei ist.

Hinter den Kulissen: Verwaltung, Ukulele, Projekte, …

Die meiste Arbeitszeit verbrachte ich im großen Musikschulbüro, an dem mir besonders das rege Treiben und der Kontakt zu den vielen verschiedenen Menschen, die die Schule ausmachen, gefielen: Eltern möchten ihre Kinder anmelden, Schüler haben eine Frage, Lehrer gehen ein und aus. Allgemeine Verwaltungsaufgaben wie das Beantworten von Telefonaten und E-Mails gehörten ebenso dazu wie das Beraten von (künftigen) Schülern und Kunden sowie Öffentlichkeitsarbeit.

Einen weiteren bedeutenden Teil machten die Planung, Vorbereitung und Betreuung von zahlreichen Konzerten und Veranstaltungen aus, die in der Musikschule stattfinden. Die Bandbreite reicht dabei von Schülervorspielen und einer Konzertreihe für hauseigene Bands über Weihnachtsfeiern und diverse Workshops bis hin zu professionellen Konzerten von Lehrerensembles und auswärtigen Musikern. Des Weiteren begleitete ich ein Kinderensemble auf seinem Probenwochenende, unterstützte eine Lehrerin in der musikalischen Früherziehung, schlug im Samba-Orchester selbst auf die Trommel und lernte Ukulele zu spielen.

Besonders am Herzen lag mir das Pilotprojekt „Berufung Musiker“, in dem acht Menschen mit Behinderung, die in einer Lebenshilfe-Werkstatt arbeiten, an ihrem „Außenarbeitsplatz“ Musikschule zu Berufsmusikern ausgebildet werden. An drei Vormittagen pro Woche lernen sie in die Grundlagen des Musizierens wie Notenlesen und Rhythmik und erhalten Band- und Einzelunterricht. Als mein eigenständiges Projekt im Rahmen des FSJ dokumentierte ich Ausbildungsinhalte, Methoden, Erfolge und Schwierigkeiten sowie musikalische und persönliche Entwicklungen der Teilnehmer. Ich unterstützte die Bandleiterin in ihrer täglichen Arbeit und der Betreuung bei Konzerten und bin ganz erstaunt, welche Fortschritte diese acht Menschen innerhalb eines Jahres gemacht haben.

Doch auch ich habe mich in diesem Jahr weiterentwickelt. Ich bin selbstständiger geworden und habe viel über mich selbst gelernt. Die Entscheidung für eine Studienrichtung konnte ich nun viel leichter treffen – ich werde dem Kultursektor treu bleiben. Einen derartig intensiven Einblick hinter die Kulissen einer kulturellen Einrichtung wie es das Freiwillige Soziale Jahr gewährt, bietet sich sonst nicht. Zwölf Monate voller neuer Eindrücke und interessanter Begegnungen liegen hinter mir – und ich möchte sie nicht missen.