„Trau dich!“ – Von Fakirkünsten

Nury Ashirov, Freiwilliger 09/10 bei Circus Luna

Letzte Vorbereitungen: Anhänger mit Requisiten beladen. Das große Zelt haben wir schon vor einigen Tagen in den Anhänger verfrachtet. Die Fahrt nach Kürnach dauert eine Stunde. Wir sind bei guter Laune: Peter (Circus-Direktor), Birte (andere FSJlerin) und ich.

In Kürnach machen wir in dieser Woche ein Circus-Projekt an einer Grundschule. Es unterscheidet sich völlig von dem, was wir normalerweise bei Circuscamps in Langendorf machen. Schon die Anzahl der Kinder spricht für sich. In Kürnach sind es 240 Kinder, anstatt 40 Kindern in Langendorf.

Gegen 22:00 erreichen wir Kürnach. Wir stellen unsere Autos, Wohnwagen und Anhänger auf die „Heilige Wiese“ vor der Schule. Hier muss die ganze Woche das Circus-Zelt stehen.

Am nächsten Tag bauen wir das Zelt auf. Anker einschlagen, Masten hochstellen, Planen knüpfen etc. Alles muss mit bestem Wissen und Gewissen gemacht werden, alle Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden.

(…) Ich werde folgende Einheiten leiten: Jonglieren, Diabolo und Fakir. Ich nehme mir vor, die Fakirstunde möglichst interessant für die Kinder zu gestalten. Ich habe von Peter ein Gewand aus Jerusalem bekommen und hole mir Informationen über Fakire.

Der erste Tag: Nagel- und Feuerproben

(…) Ich zeige den Kindern das Nagelbrett, jeder darf es mit Fingern anfassen. Ich frage die Erstklässler, was ein Fakir sei und was er macht. Die Kinder zeigen auf die Nägel und das Feuer. Die Viertklässler meinen, Fakire würden das alles wegen Geld machen. Ich erzähle, dass das Wort „Fakir“ aus der arabischen Sprache kommt und „armer Mann“ bedeutet. Sie seien Wanderprediger und verzichten auf ein luxuriöses Leben. (…)

Ich hole das Nagelbrett, konzentriere mich, atme gleichmäßig, atme schließlich tief ein. Beim Ausatmen steige ich auf das Nagelbrett. Ich habe Schmerzen in den Füßen, ich darf dies aber nicht zeigen. Ich muss perfekt sein, und mir keine Unsicherheit den Kindern gegenüber anmerken lassen, denn die Kinder könnten sonst leicht das Vertrauen zu mir verlieren.

Auf die Frage, wer bereit sei, auf das Nagelbrett zu steigen, melden sich ein paar mutige Kinder. Es gelingt ihnen mit Hilfestellung ganz gut. Sogar schüchterne Kinder probieren es auch.

Die Viertklässler entscheiden sich für das Fakirfeuer. Beim Schnuppertraining lasse ich Streichhölzer anzünden. Ist das Streichholz halb abgebrannt, fasst man es an der verkohlten Seite, und lässt es ganz abbrennen. Ich verbrenne mir dabei ein bisschen den Finger und erzähle von Respekt vor dem Feuer. Ich zeige einige Tricks mit der Feuerfackel. Als ich die Fackel im Mund löschen will, merke ich, dass meine Hand zittert. Ich habe auch Angst vor dem Feuer, das gefällt mir nicht.
Jetzt dürfen die Kinder selbst Feuerfackeln ausprobieren. Sie können mit dem Feuer über ihre Hände streichen. Es tut nicht weh, aber es riecht nach versengten Haaren. Die Kinder sind natürlich unsicher. Sie haben zitternde Hände. Unsicherheit ist aber gefährlich, so meine Erfahrung.

Leuchtende Augen

Am nächsten Tag bilden sich aus mehreren anderen Angeboten zwei Fakirgruppen „Nagelbrett“, und zwei Fakirgruppen „Feuer“. Beim Fakirfeuer melden sich viele Kinder, es freut mich, denn der Unterricht muss interessant gewesen sein. Beim Fakirnagelbrett melden sich nur wenige. Ich mache mir Gedanken, wo etwas schief gelaufen war. Wo habe ich Fehler gemacht? Ich unterhalte mich darüber mit Peter. Er sagt, es sei nicht so schlimm, die Nummer könne man mit wenigen Kindern aufbauen. Ich müsse die Schuld nicht allein bei mir suchen, denn es gäbe viele Einflussfaktoren: Lehrer, Klassenstimmung etc.

Im Laufe der Woche bringe ich meinen kleinen Fakiren weitere Fakirkünste bei. Wir versuchen verschiedene Variationen auf dem Nagelbrett: Stehen, Sitzen und Liegen. Sie machen es gern, es gefällt ihnen sogar mehr als Nagelbrett. Ihre Augen beginnen zu leuchten.

Ich zeige weitere Tricks mit dem Feuer. Anscheinend wirkt mein Aussehen, meine Tracht auf die Kinder. Nach ein paar Tagen kann ich beobachten, wie die Kinder sicherer geworden sind. Sie machen es gut und mit viel Spaß. Die Lehrerin teilt mir mit, die Schüler würden viel lieber in die Schule gehen, wenn das Zelt da sei. Es macht mir viel Freude, mein Wissen an die Kinder zu bringen.

Weiter geht´s

Es gibt aber auch andere Faktoren, die das Leben schön machen, z.B. die Circus-Kollegen mit denen ich arbeite. Ich feiere in dieser Woche meinen 23. Geburtstag. Birte, Evi und Anja backen für mich leckere Muffins. Das berührt mich sehr. Ich fühle mich nicht ganz allein, obwohl mein Zuhause 4000 Kilometer entfernt ist: Es gibt Leute, die an mich denken. An diesem Tag singen mir 240 Kinder „Zum Geburtstag viel Glück“. Ich bin glücklich.

Die Woche geht schnell um. Am Wochenende sind Generalproben und Vorstellungen. Die Kinder sind aufgeregt. Sie haben die Kostüme an, betrachten ihre geschminkten Gesichter und lachen. Es kommen viele Gäste zu Besuch. Das ganze Zelt ist voll. Draußen scheint die Sonne, die Rondelle werden aufgemacht, damit es nicht so heiß im Zelt ist.

Die Vorstellung fängt an. Ich bin für die Lichtsteuerung und die Tonanlage verantwortlich. Meine Fakirkinder zeigen alles, was sie binnen fünf Tagen gelernt haben. Die kleinen Erstklässler vergessen manchmal die Reihenfolge, aber es macht die Nummer spannender und interessanter. So weisen sie während der Nummer aufeinander mit den Fingerchen und flüstern: „ Du bist dran“. Prima läuft es bei den Fakirfeuerkindern. Sie verbreiten die richtige Fakir-Stimmung. Die Zuschauer sind beeindruckt. Nach den Vorstellungen kommen ein paar Eltern und bedanken sich bei mir. Sie meinen, die Fakirkunst hat den Kindern sehr gut getan.

Sonntagabend bauen wir das Zelt ab. Jetzt sind nur noch Spuren vom Zelt zu sehen. Ich spüre ein bitteres Gefühl in mir, wie immer. Ich gewöhne mich schnell an die Leute und der Abschied tut weh. Es wird weitergehen mit den Circuscamps. So ist es auch mit dem FSJ. Uns erwartet immer etwas Neues um die Ecke, nur was? Hoffentlich etwas Gutes.

In dieser Woche haben nicht nur die Kinder etwas gelernt, auch ich habe eine wichtige Lehre für mein Leben gezogen: „Traue dich!“.