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Stick- und Kunstoase

Stick- und Kunstoase

Projektbericht Leonie Roth, Freiwillige 10/11, Kind und Werk/Kinder- und Jugendkunstschule, Rosenheim

Stricken ist heutzutage bei jungen Leuten als „Oma-Beschäftigung“ verschrien. Da ich aber finde, dass man mit dem so genannten „Knitting“ mehr anfangen kann, als Pullover zu stricken, führte ich im Rahmen meines FSJ Kultur eigenverantwortlich das dreitägige Projekt „Strick- und KunstOASE“ bei der Jugendkunstschule Kind und Werk e.V. durch.

Inspiration und alte Damen

Das ehemalige Landesgartenschaugelände am Mühlbachbogen in Rosenheim sollte ein Jahr brach liegen. So hatte ich gemeinsam mit den Jugendlichen der Jugendinitiative bUNtSINN die Möglichkeit, in Eigeninitiative und mit Unterstützung des Quartiersmanagement Altstadt-Ost diese Fläche temporär zu nutzen.

Wir luden den Strickkünstler Klaus Erich Dietl, auf den wir beim Recherchieren im Internet gestoßen sind, zur OASE ein. Telefonzellen in der Gruppe und ohne Nadeln einstricken, stellt für ihn kein Problem dar. Ich fand, von ihm könnten wir noch viel lernen und auch kreativen Input bekommen.

Das war alles schön und gut, aber wir brauchten dringend Materialgeld. Beim Bürgerfonds Altstadt-Ost bekamen wir nach einer Weile ein bisschen zugesprochen, ebenso wie aus dem Stadtoasenfonds. Da Wolle sehr teuer ist, setzte ich im Februar einen Wollspendenaufruf in die Zeitung. Viele nette, meist ältere Damen brachten uns ihre Wolle und Nadeln, die sie nicht mehr brauchten.


Blüten und Wolle

Die Resonanz auf das Projekt war toll, jeder hat sich darüber gefreut, dass es tatsächlich noch Jugendliche gibt, die stricken können oder lernen wollen. So etwas pusht natürlich die eigene Motivation. Schwierig war die Werbung: Innerhalb von zwei Tagen entwickelte ich zum ersten Mal mit Photoshop einen Flyer, auf den ich nach langem Hin und Her auch sehr stolz war. Wir verteilten sie an verschiedene Leute, die sie immer weiter im Stadt- und auch Landkreis verbreiteten. Wir hingen sogar gehäkelte Blüten mit kleinem Mini-Flyer in der Stadt auf und setzten eine Anzeige in die Zeitung: Jeder, der so eine Blüte zur OASE brachte, wurde mit einem Wollgeschenk belohnt. Es kamen auch tatsächlich vier Blüten zurück.

Als es dann in die Endphase der Organisation ging, kamen die ersten größeren Probleme auf. Aufgrund der Tatsache, dass wir bei uns in der Einrichtung keine Praktikanten mehr hatten, und ich sehr viel Zusatzarbeit übernehmen musste, blieb die Planung etwas auf der Strecke. Als es dann daran ging, die Wolle zu sortieren, hatten praktisch alle anderen Jugendlichen wegen Schulstress, Prüfungen und anderem keine Zeit mehr , sodass die Zeit etwas knapp wurde. Es kam sogar ein Punkt, an dem ich dachte, mich mit dem Projekt übernommen zu haben und es nicht rechtzeitig hinzubekommen. Meine FSJ-Anleiterin half mir allerdings sehr, sodass es zum Glück doch noch gelang.

Stickerwand und Bierkistencouch

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Vertieft ins „Knitting“. Leonie mit Teilnehmerinnen am Knitting-Event

Die Durchführung war genial: Es kamen Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die sich auf den drei großen Stickerwänden verewigten. Aktiv mitgestaltet haben auch Studenten der Fachhochschule, die zeitgleich auf dem Gelände waren.

Das Fingerstricken ohne Nadeln setzte sich am Samstag enorm durch. Eine ganze Bierkistencouch wurde von Helfern und Mitmachern eingestrickt. Diese und eine Stickerwand sind bis OASENende im Oktober 2011 auf dem Gelände zu sehen. Auch dass Klaus Dietl, unser eingeladener Strickkünstler, leider wegen eines kleinen Autounfalls kurzfristig nicht kommen konnte, tat dem Projekt und unserem Spaß dabei keinen Abbruch.

Motivation und Euphorie

Gelernt habe ich durch das Projekt viel. Es ist unglaublich schwierig, Jugendliche zu finden und für die eigene Sache zu begeistern, auch wenn etwas kostenlos ist. Und natürlich macht Organisation in der Gruppe viel mehr Spaß, als wenn man stundenlang allein in einem kleinen Raum Wolle sortieren muss.

Ich denke, dass bei jedem Projekt irgendwann ein Tiefpunkt kommt. Aber wenn der mal überwunden ist, steigen die Motivation und die Euphorie. Mein Projekt hat im Endeffekt jedenfalls beinahe reibungslos geklappt und ich hatte viel Freude dabei.